16.11.2019

Seit ein paar Tagen denke ich, wie Igor Levit bei Maybrit Illner sitzt und sagt, dass er bei dem, was er mache, nonverbal unterwegs ist: »Ich erzeuge Zustände.« Gute Beschreibung dafür was Musik kann und Musiker machen und sollte dabei berücksichtigt werden, wenn man über die deutschen Zustände nachdenkt.

Zurück in Prag merke ich, dass ich hier lange nicht mehr bleibe.

9.11.2019

Seit drei Monaten bin ich zum erste Mal wieder in Deutschland. Das merke ich, als ich viel zu früh aus dem Berliner Hauptbahnhof auf den Europaplatz steige. Und dass sich was verändert hat, darin wie man über Deutschland nachdenken muss, merke ich viel zu spät am nächsten Tag, als ich durch den Humboldthain laufe und von jemanden Verrückten als Jude beschimpft werde.

Inga ist dann die Erste, die den Gedanken, den ich auch schon hatte aber für übertrieben hielt, ausspricht, wie und wann man aus Deutschland wegkommen müsse, weil man oder irgendjemand auf irgendeiner Todesliste stehe.

In fünf Jahren hat sich vieles verändert und in weniger als zwei Monaten wird das neue Jahrhundert erst 20.

Mit Roland mache ich einen Ausflug durch den verhangenen Novembertag. Wie war das Wetter eigentlich am 09.11.1989? Wir reden wenig und in der Zeitung erzählen Jens und Norbert Bisky, dass alles gleich kippen könne, nicht nur bezogen auf die DDR, sondern auch auf die Demokratie und Maxim Biller schreibt, wie er in seiner Wohnung an der Zionskirche liegt und an seine Mutter denkt, die jetzt in der kalten Prager Herbsterde neben seinem Vater auf dem Neuen Jüdischen Friedhof liegt. Gleich nach der Beerdigung seien er und seine Schwester weiter nach Odessa gereist und im Hotel Bristol habe er gemerkt, dass er das Russisch seiner Eltern noch lange vermissen werde.

 

26.10.2019 — The best system is a soundsystem

Gestern zum Ausgehen in einem Stadtteil gewesen, den ich noch nicht kannte und meine kroatische Begleitung staunte plötzlich, aus der Bahn gestiegen; die Straßen mussten zu ihr sprechen, denn, ihrem Blick auf die Häuserfassaden folgend, konnte ich sehen, wie sie in einen Dialog getreten war und nur sagte: »Ich hab hier plötzlich das Gefühl von Rijeka, meiner Heimatstadt.« Und durch diesen Blick wurde mir auf einmal klar, was ich in jeder Stadt, die ich bewohne, suche: das Gespräch mit den Straßen. H. meinte am Telefon: »Ich weiß genau, was du meinst, wenn du sagst, die Straßen sprechen nicht zu dir.« Wir sprachen über Köln.

Im Club dafür Dialoge »auf allen Ebenen«, wie Lars dieses Jahr, die Hände vor sich ausbreitend vor der Philharmonie nach Jeff Mills meinte. Selten, im Vergleich mit einigen anderen Mäusen, gehe ich in Clubs. Und seltener habe ich diesen Moment, wie C. letztes aus Paris berichtete, in einem Club unter einer Kirche sich einfach für ein paar Stunden frei und gut zu fühlen. Ich, davon angestachelt, bin also gestern zu Aurora Halal (OMG!) und hab für dreieinhalb Stunden, das erlebt, was ich schon vergessen hatte, nämlich, was ~ somaästhetisch ~ passieren kann während eines DJ-Sets. Tatsächlich ist das ja ein einfach mal immersives Kunstwerk, das DJ/Club-Kunstwerk, bei dem Sound, Licht, Einrichtung, Personal und andere Leute für eine emotional-körperliche Erfahrungen sorgen und das alles dramaturgisch zusammengehalten wird von der Auswahl der Tracks durch den DJ.

Auf der Toilette kurs den Gedanken gehabt, dass die safer-clubbing-Hinweise, leider auch nur Hinweise dafür sind, dass der Club als Ort eigentlich ein Ort der Belästigung und der Gewalt ist und somit an einigen Stellen mehr hängen könnten.

20.10.2019

Die Ambivalenz dieses Herbstes ist im Emoji-Mashup von der Twitter-Seite Emoji Mashup Bot aufgehoben: sunglasses + slightly-frowning.

Streifzüge durch Prag auf der Suche nach dem tschechischen Kubismus, der mir nicht zu weit gehen kann, und das Gebäude, das mir diesen Architekturstil am weitesten treibt, hab ich noch nicht gefunden. Und das Adria-Gebäude auf der Jungmannova ist schon absurd.

Mittwoch zur Eröffnung des deutschsprachigen Filmfests Sönke Wortmanns »Der Vorname« zur Hälfte gesehen, in dem jemand den Witz macht, seinen Sohn Adolf zu nennen und so viel Deutschland transportiert wird, dass meine Begleitung und ich es nicht aushalten und direkt zum Biertrinken übergehen.

Emoji-Mashup: thinking + worried.

13.10.2019

Ich bin jetzt in Prag und hab kein eigenes Zimmer. Wenn ich morgens aufwache, fühle ich mich trotzdem nicht weniger zuhause, als in meinem eigenen Bett. Eigenes Bett – als wär der Schrott von Ikea irgend ein Teil von mir. Denke ich an Köln, denke ich: da bin ich nicht Zuhause. Und mit Warschau, mit dieser Stadt bin ich immer noch nicht fertig.

Anstatt DLF und die heute-show hör ich NPR und schaue Stephen Colbert. Im Klang des Amerikanischen ist für mich gerade die Sehnsucht nach der Person aufgehoben, bei der ich mich kurz mal wirklich zuhause gefühlt hab.

Heimweh gibt es nur nach Leuten.

Robin schreibt auf Twitter diese Woche: »Ich will endlich anfangen, Tagebuch zu führen… könnte mich grün und blau ärgern, dass ich keine Anhaltspunkte habe, was ich vor 10 Jahren erlebt, gefühlt, gedacht habe«

3.08.2019

Umherstreifen, instinktiv durch die Straßen gehen und irgendwo angekommen, merken: hier wollt ich hin. Eine kinästhetische Karte hat sich bei mir abgelegt, so mein ich, und denke mir, dass ich das, was ich mit Warschau gemacht hab, für eine Zeitlang hier wohnen, dringend mit anderen Städten auch machen muss, um zu schauen, warum ich es hier so viel besser finde, als überall sonst.

Der neue Alltag ist schon eingerichtet und läuft reibungslos.

Das einzige Deutsche in der Stadt: Umschlagplatz, Mariensztat, Skwer Will’ego Brandta, an dem ich morgens jetzt vorbeijogge.

2.08.2019

Das Antideutsche in Polen muss man sich mal abholen. Die Lesart, dass der Warschauer Aufstand ein erfolgreicher Wiederstand (der Männer) gegen den deutschen Besatzer war und das moderne Polen daraus entstand ist, findet man allerorts. Gestern skandierte ein Marsch durch die Altstadt Każdy pocisk jeden Niemiec, also dass damals jeder einen Deutschen niederdrückte; nicht Nazi-Deutschen oder Hitler-Deutschen.

Einmal meinte jemand zu uns, ob wir aus Deutschland kämen und als ich ja meinte, er: »Deutschland, Deutschland, aber nicht über alles!« Meine Schweizer Begleitung lachte mich von der Seite aus an.

Oder A. mit dem ich einmal Wodka trank: »Bevor wir trinken: Warum seid ihr 39 bei uns einmarschiert?« Gelächter und auf Ex.

1.08.2019

Der 1. August ist ein Datum in Polen, das um genau 17:00 Uhr alles stehen lässt für eine Schweigeminute. Ich war am Plac Zbawiciela und plötzlich hörte alles auf zu fahren, die Bahnen, die Fussgänger blieben stehen, die Autos auch und die Leute stiegen aus. Alles hupte, Sirenen erklangen, Bengalische Feuer wurden weiter hinten gezündet. Nach einer Minute ging alles ganz normal weiter. Heute war der Jahrestag des Warschauer Aufstands.

Vergangenheitsbewältigung ist ein Wort, das im Deutschen dafür erfunden wurde. Ruth Klüger schreibt auch davon und möchte das Wort Zeitschaft erfinden, weil es Ortschaft nicht trifft, wenn man über historische Geschichten spricht. Unterm Museum fürs Leben in der Volksrepublik am Plac Konstytuji ist z.B. ein KFC reingebaut.

31.07.2019

Ok, die letzten Monate sind dahin und jetzt bin ich wieder in Warschau, die Stadt mit dem geheimen Versprechen an mich, und marschiere los um Muranów zu erkunden und die Gdański Bar Mleczny auszuprobieren. Am Denkmal für den Warschauer Aufstand wird eine Messe gefeiert, eine Frau kniet zwischen den Menschen auf dem Boden und scheint zu beten, in der Hand eine Zeitung, ich kann das Wort »powstali« lesen, »aufgestanden«.

In Berlin hab ich bei Ocelot Ruth Klügers weiter leben gefunden und gleich im Volkspark angefangen zu lesen; auf der Zugfahrt nach Warschau den ersten Teil, wo es eine Episode gibt mit zwei Erstsemestlern (Germanistik), die nicht wissen, dass es einen polnischen Antisemitismus gibt, zusammenhängend denke ich an Claude Lanzmann, der mir das mit Shoah eingeschrieben hat.

Das andere Buch, das ich dabei hab ist Eiscafé Europa.

»Polen ist noch nicht verloren.«

12.06.2019

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreiben werde, aber dass gerade Fussball-WM ist, ist richtig gut. Nicht, weil ich Fussball so gerne mag, sondern weil wir alle, auch die, die kein Fussball mögen, es gucken sollten, weil man hier etwas lernen kann. In meiner semipermeablen Bubble hatte ich nämlich tatsächlich schon das Gespräch (mit einem Mann), der behauptete, dass die WM der Frauen für ihn eher so Kreisliganiveau der Männer hätte, also, mit anderen Worten, Frauen kein Fussball spielen können.

So eine Scheiße höre ich nicht nur von M., so eine Scheiße müssen sich Frauen im Allgemeinen und die, die Fussball spielen im Besonderen von allen Seiten anhören, man kann es in dem Commerzbank-Spot der DFB-Frauen gut sehen – »seit es uns gibt, treten wir nicht nur gegen Gegner an, sondern vor allem gegen Vorurteile.«

Im Buchladen eine andere Situation, die zeigt: Es gibt noch viel zu lernen. Die Verkäuferin meinte, dass Sibylle Bergs Buch eine »Dystopie« sei, was ich nicht stehen lassen würde, aber egal. Sie meinte dann noch, ernsthaft, dass Sibylle Berg ja auch schon aussehe, wie von einem anderen Planeten und wahrscheinlich etwas verrückt sei. Um den Stoff nicht zu sehr an mich ran kommen zu lassen, solle ich das Buch in der Sonne lesen –; es braucht halt einfach eine fucking Revolution, man sieht es überall!