3.08.2019

Umherstreifen, instinktiv durch die Straßen gehen und irgendwo angekommen, merken: hier wollt ich hin. Eine kinästhetische Karte hat sich bei mir abgelegt, so mein ich, und denke mir, dass ich das, was ich mit Warschau gemacht hab, für eine Zeitlang hier wohnen, dringend mit anderen Städten auch machen muss, um zu schauen, warum ich es hier so viel besser finde, als überall sonst.

Der neue Alltag ist schon eingerichtet und läuft reibungslos.

Das einzige Deutsche in der Stadt: Umschlagplatz, Mariensztat, Skwer Will’ego Brandta, an dem ich morgens jetzt vorbeijogge.

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2.08.2019

Das Antideutsche in Polen muss man sich mal abholen. Die Lesart, dass der Warschauer Aufstand ein erfolgreicher Wiederstand (der Männer) gegen den deutschen Besatzer war und das moderne Polen daraus entstand ist, findet man allerorts. Gestern skandierte ein Marsch durch die Altstadt Każdy pocisk jeden Niemiec, also dass damals jeder einen Deutschen niederdrückte; nicht Nazi-Deutschen oder Hitler-Deutschen.

Einmal meinte jemand zu uns, ob wir aus Deutschland kämen und als ich ja meinte, er: »Deutschland, Deutschland, aber nicht über alles!« Meine Schweizer Begleitung lachte mich von der Seite aus an.

Oder A. mit dem ich einmal Wodka trank: »Bevor wir trinken: Warum seid ihr 39 bei uns einmarschiert?« Gelächter und auf Ex.

1.08.2019

Der 1. August ist ein Datum in Polen, das um genau 17:00 Uhr alles stehen lässt für eine Schweigeminute. Ich war am Plac Zbawiciela und plötzlich hörte alles auf zu fahren, die Bahnen, die Fussgänger blieben stehen, die Autos auch und die Leute stiegen aus. Alles hupte, Sirenen erklangen, Bengalische Feuer wurden weiter hinten gezündet. Nach einer Minute ging alles ganz normal weiter. Heute war der Jahrestag des Warschauer Aufstands.

Vergangenheitsbewältigung ist ein Wort, das im Deutschen dafür erfunden wurde. Ruth Klüger schreibt auch davon und möchte das Wort Zeitschaft erfinden, weil es Ortschaft nicht trifft, wenn man über historische Geschichten spricht. Unterm Museum fürs Leben in der Volksrepublik am Plac Konstytuji ist z.B. ein KFC reingebaut.

31.07.2019

Ok, die letzten Monate sind dahin und jetzt bin ich wieder in Warschau, die Stadt mit dem geheimen Versprechen an mich, und marschiere los um Muranów zu erkunden und die Gdański Bar Mleczny auszuprobieren. Am Denkmal für den Warschauer Aufstand wird eine Messe gefeiert, eine Frau kniet zwischen den Menschen auf dem Boden und scheint zu beten, in der Hand eine Zeitung, ich kann das Wort »powstali« lesen, »aufgestanden«.

In Berlin hab ich bei Ocelot Ruth Klügers weiter leben gefunden und gleich im Volkspark angefangen zu lesen; auf der Zugfahrt nach Warschau den ersten Teil, wo es eine Episode gibt mit zwei Erstsemestlern (Germanistik), die nicht wissen, dass es einen polnischen Antisemitismus gibt, zusammenhängend denke ich an Claude Lanzmann, der mir das mit Shoah eingeschrieben hat.

Das andere Buch, das ich dabei hab ist Eiscafé Europa.

»Polen ist noch nicht verloren.«

12.06.2019

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreiben werde, aber dass gerade Fussball-WM ist, ist richtig gut. Nicht, weil ich Fussball so gerne mag, sondern weil wir alle, auch die, die kein Fussball mögen, es gucken sollten, weil man hier etwas lernen kann. In meiner semipermeablen Bubble hatte ich nämlich tatsächlich schon das Gespräch (mit einem Mann), der behauptete, dass die WM der Frauen für ihn eher so Kreisliganiveau der Männer hätte, also, mit anderen Worten, Frauen kein Fussball spielen können.

So eine Scheiße höre ich nicht nur von M., so eine Scheiße müssen sich Frauen im Allgemeinen und die, die Fussball spielen im Besonderen von allen Seiten anhören, man kann es in dem Commerzbank-Spot der DFB-Frauen gut sehen – »seit es uns gibt, treten wir nicht nur gegen Gegner an, sondern vor allem gegen Vorurteile.«

Im Buchladen eine andere Situation, die zeigt: Es gibt noch viel zu lernen. Die Verkäuferin meinte, dass Sibylle Bergs Buch eine »Dystopie« sei, was ich nicht stehen lassen würde, aber egal. Sie meinte dann noch, ernsthaft, dass Sibylle Berg ja auch schon aussehe, wie von einem anderen Planeten und wahrscheinlich etwas verrückt sei. Um den Stoff nicht zu sehr an mich ran kommen zu lassen, solle ich das Buch in der Sonne lesen –; es braucht halt einfach eine fucking Revolution, man sieht es überall!

 

11.06.2019

Am Freitagabend waren wir in R.s BMW angekommen und mussten sofort erkennen, dass die beste aller möglichen deutschen Städte Zürich ist. Die Sonne ging unter, bunte Lichter spiegelten sich im Zürichsee und am nächsten Morgen sprangen wir mit den schönen jungen Schweizern in die Limmat und ließen uns treiben; das Wasser ist dort kalt und klar wie Kristall.

Warum Sibylle Berg in dieser Stadt lebt und arbeitet ist, ohne sie zu kennen, offensichtlich. Und warum sie die einzige deutsche Schriftstellerin ist, die gute Bücher schreibt, ist auch vielleicht daraus erklärbar, dass sie in der Schweiz lebt – mit Blick von Außen.

Das Geschmäckle, das diese Stadt hat, haben muss, kann ich an diesem Wochenende nur erahnen. Als ich ein Video für meine Instagram-Story machte, vom Rathaus kann man über den Zürichsee die schneebedeckten Gipfel der Alpen sehen und L. reagierte folgerichtig mit einem »Idüll!«, musste ich an meine Schweizer Freundin L. aus Biel denken, die sagt: »Ich hasse Zürich, es ist die Farbe auf der gegenüberliegenden Seite des Farbkreises«, was immer noch kein grau ist, denke ich.